Seit kurzem ist mein Schwager Wahl-Schweizer. Somit hatten wir dann auch endlich einen handfesten Grund, die Schweiz aufzusuchen. Gesagt, getan. Gegen Mitternacht trudeln wir bei ihm ein. Natürlich wurde erst mal eine Weile gequatscht, bis Stefan uns mit der Info überrascht, dass wir zeitig aufstehen müssen. Der Wetterbericht hat Traumwetter vorausgesagt und er will dieses nutzen, um mit uns zum Jungfrau-Joch zu fahren.
Total übermüdet und mit leichten Kopfschmerzen stehe ich am Bahnhof. Die nächste Bahn kommt in einer halben Stunde. Genügend Zeit also, sich um die Fahrkarten zu kümmern. Die ältere Dame schaut etwas wehleidig auf meine Kinder. "Wollen Sie wirklich mit den Kindern dort hoch? Es ist sehr voll auf der Kleinen Scheidegg." Toll! Weshalb wohl bin ich bis hier her gefahren? Natürlich will ich dort hoch. Vor allem bei dem Wetter. Als sie mir den Fahrpreis nennt, bin ich es der etwas wehleidig schaut. Rund 500,- DM für eine Familienfahrt auf das Joch und wieder zurück.
Was soll's. Rein in die Zahnradbahn und hinauf auf die Kleine Scheidegg. Dort erwartet uns das Chaos. Denn dort ist nicht nur für die Bahn aus Grindelwald Endstation, sondern auch für die aus dem Lauterbrunner Tal. Die Fahrgäste aus beiden Richtungen müssen nun in die eigentliche Jungfrau-Joch-Bahn umsteigen. Und diese ist nicht mit uferlos vielen Plätzen gesegnet. Dafür wollen aber uferlos viele Menschen hinein. Außerdem sind die Waggontüren eindeutig zu eng, um gleichzeitig 4-5 Leute durchzulassen.
Natürlich hatten alle unserer Gruppe außer mir eine Sitzplatz ergattert. War aber nicht weiter schlimm, denn umfallen konnte ich nicht. Dafür unterhielten sich ein paar Engländer lautstark mit dem Rest ihrer Leute am anderen Ende des Waggons - direkt an meinem Ohr vorbei. An der Station Nordwand wollte ich eigentlich Für ein paar Photos aussteigen, allerdings die Leute zwischen mir und der Waggontür nicht. An der Station Eigergletscher war mir das egal, energisch kämpfte ich mich nach draußen. Gesehen habe ich an den Felsfenstern nichts außer gleißender Helligkeit. Irgendwann waren wir oben und froh, endlich aussteigen zu können.
Wahnsinn! Hat man sich erst mal wieder an das Tageslicht gewöhnt, wird man erschlagen vom Panorama, welches sich vor einem ausbreitet. Vor allem der Aletsch-Gletscher, der mächtig wie erstarrt zwischen den Eisriesen hindurchfließt. Aber auch die Pyramide des Mönches sowie die künstlich in das Eis geschlagenen Gänge faszinieren und lassen die Zeit wie im Flug vergehen. Also wieder zur Bahnstation. Zu blöd, dass offensichtlich alle anderen die gleiche Idee hatten und der Kampf um die nächste Bahn wieder losging.
Nein, nein, wir haben sie nicht bestiegen. Aber als wir wieder auf der Kleinen Scheidegg ankamen, leisteten wir uns eine lecker Bratwurst und ein lecker Bier, verkrümelten uns abseits auf einen Grashügel. Dort hatten wir endlich die Einsamkeit, die man in den Bergen so gerne sucht. Die Augen sogen gierig das Panorama von Wetterhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau in sich auf. Vor allem die Nordwand zog immer wieder unsere Blicke wie magisch an. Durch die tief stehende Sonne traten alle Details der Wand nahezu plastisch hervor. Bügeleisen, Götterquergang, Spinne - all die namhaften Kletterstellen der klassischen Route präsentierten sich im Abendlicht. So konnten wir nach all dem Stress, der Hektik und den Massen von Menschen am Ende doch noch sagen: Dies war ein wunderschöner Tag.
Selten musste ich so um den Zustieg in eine Bahn kämpfen wie hier an der Kleinen Scheidegg. Einziger Trost: die dominierende Nordwand.
Nach einer Fahrt wie in der Sardinenbüchse endlich wieder Platz und Luft zum Atmen - und ein gigantisches Panorama, wie hier der Mönch.
Letzte Änderung: 13.11.2007
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