Wir hatten schon lange geplant, mal nach Südengland zu fahren. Dieses Jahr war es dann soweit. Großartig vorbereitet hatten wir uns nicht, es ist auch nicht meine Vorstellung von Urlaub, alles bis in das kleinste Detail auszuplanen. Ich lasse es liebe auf mich zukommen und entscheide vor Ort, wie es weiter geht.
Aber für Südengland in der Sommerzeit ist es unbedingt anzuraten, sich zumindest, was Unterkunft und Kanalüberquerung angeht, im Vorfeld zu kümmern. Das spart eine Menge Stress und einiges an Geld.
Wir sind abends losgefahren in der Hoffnung, dass nachts das Shuttle billiger ist. Gegen 4:00 Uhr waren wir in Calais und ich entging nur knapp einem Herzinfarkt. Satte 217 € musste ich bezahlen! Einfache Fahrt. Vor 11 Jahren waren es umgerechnet noch knapp 70 €!
Auf der anderen Seite des Tunnels dann Kent. Für mich das typische England: akkurater Rasen, Reihenhäuschen, überall gut bürgerliches Flair. England halt.
Früh kurz nach 5:00 Uhr gelangten wir in Canterbury auf dem Zeltplatz an. Die Zeit bis zur Öffnung der Rezeption verbrachten wir in der Innenstadt. Um die Zeit sehr tot. Frühstück bei McDonalds, was anderes hat um die Zeit (6:30 Uhr) nicht auf.
Später dann, nachdem das Zelt aufgebaut und etwas Schlaf nachgeholt wurde, nochmal in die Stadt und natürlich die Kathedrale angeschaut (17,50 £ pro Familie). Beeindruckend! Ein mehrteiliges Hauptschiff und etliche Querschiffe. Herrliche Fenster, Malereien und Kirchenschmuck. Danach noch durch die Innenstadt spaziert, die diesmal deutlich belebter war.
Am nächsten Tag nach Deal gefahren, wo Heinrich der VIII. einst eine Burg direkt am Strand erbauen ließ. Danach noch Stippvisite in Sandwich. Dieser Ort ist tatsächlich der Herkunftsort für die gleichnamigen belegten Brote.
Unser nächstes Ziel war Wales, genauer das Snowdonia Gebiet im Nordwesten. Gezeltet haben wir in Caernarfon auf einem netten kleinen Zeltplatz fast noch in der Stadt. In der Stadt selber gleichnamiges Castle, in dem der Prince of Wales gekrönt wird. Nachdem wir im TI ein paar Infos zum Snowdon und dessen Besteigung (bzw. Befahrung mit der Bahn) eingeholt hatten, fuhren wir hinüber auf die Isle of Anglesey. Dort ist natürlich der Besuch eines eher farblosen Dorfes ein Muss. Wegen seines Namens: Llanfairpwllgwyngy... Insgesamt 58 Buchstaben lang und schier unaussprechlich. Ein Besuch des Leuchtturms auf South Stack nahe Holyhead rundete den Inselausflug ab.
Am Tag darauf sollte dann der Snowdon erklommen werden. Ursprünglich hatten wir vor, die Bahn hinauf zu nutzen. Aber wegen Bauarbeiten an der Gipfelstation fuhr sie eh nur bis auf halbe Höhe. Dann können wir auch gleich laufen. Was wir auch taten. Von Pen-y-Pass nahmen wir den Miner's Track. Am Glaslyn See verabschiedete ich mich und wählte für den weiteren Aufstieg die Variante über den Y Gribin Rücken. Ein Weg der Kategorie "Mountain Scrambling". Zurück ging es über den Pyg Track wieder zum Pen-y-Pass zurück. Die angegeben Zeiten sind in Ordnung, 2,5 Stunden hinauf und etwa die gleiche Zeit wieder hinunter. Die Hauptwege sind gut ausgebaut, aber ohne Markierung. Für das Scrambling braucht man schon ein gutes Auge, dafür macht es aber mehr Spaß. Der Gipfel war rappelvoll und laut wegen der Großbaustelle.
Weiter ging es in den Südwesten von Wales, das erste Mal, dass wir Probleme hatten, einen Zeltplatz zu finden. Wir landeten schließlich auf einer Wiese mit zwei Wasserhähnen an einer Mauer und einem unappetitlichen Klohäuschen. Der Übernachtungspreis mit 6 £ unschlagbar günstig. Ebenso die Lage: nur 500 m bis White Sands, einem sehr schönen Sandstrand, den wir am späten Nachmittag noch besuchten. Aber mehr als eine Nacht wollten wir uns auf diesem doch sehr einfachen Platz nicht antun.
Nach den Zeltplatzproblemen in Südwales wollten wir schlauer sein und wählten in North Devon einen Platz im Landesinneren. Mit Erfolg. Zumindest für die nächsten zwei Nächte kamen wir auf einem kleinen Zeltplatz in der Nähe von South Molton unter.
Der nächste Tag gehörte dann wieder der Küste. Als erstes ging es nach Clovelly, einem ehemaligen Piratennest. Das Dorf ist direkt in einem Einschnitt in der Steilküste gelegen. Somit ist die Dorfstraße auch dermaßen steil, dass sie nicht mit Autos befahren werden kann. Alle Transporte werden deshalb mit speziellen Holzschlitten vorgenommen.
Nächste Station war Lynton/Lynmouth, ein Doppelort an der nördlichen Steilküste. Lynton befindet sich oben am Cliff, Lynmouth unten am Strand. Verbunden sind die beiden Orte unter anderem durch die "Cliff Railway", einer Art Bahn, die durch Gewichtsunterschiede funktioniert. Der untere Wagen lässt Wasser aus einem Tank ab, während der obere ihn befüllt. Ist der Gewichtsunterschied groß genug, setzen sich beide Wagen in Bewegung. Faszinierend!
Endlich in Cornwall angekommen, hatten wir wieder unser Problem mit den Zeltplätzen. Nach drei oder vier Versuchen kamen wir dann etwas südlich von Newquay unter. Für zwei Nächte. Also alles, was wir uns für Cornwall vorgenommen hatten, musste noch am gleichen und am nächsten Tag über die Bühne gehen.
Also fix das Zelt aufgebaut, wieder rein in's Auto und ab nach Lizard Point, dem südlichsten Zipfel von Großbritannien. Direkt auf der Landspitze sind zwei kleine Einkehrmöglichkeiten, wo wir endlich die berühmten "Scones with clotted cream" genießen konnten. Das Wetter war leider trüb und regnerisch, so dass wir uns damit Zeit lassen konnten. Auf der Landspitze kann noch der Leuchtturm besichtigt werden und direkt daneben befindet sich eine sehr schöne (und ziemlich teure) JuHe.
Da wir noch etwas Zeit hatten, machten wir einen Abstecher zum Kynance Cove, einer sehr schönen Bucht mit Sandstrand, Felsen und Höhlen. Wegen des schlechten Wetters hatten wir sie fast für uns allein.
Am nächsten Tag dann das große Programm: maximum Cornwall in minimum Zeit. Los ging's mit Land's End, dem südwestlichsten Zipfel von Großbritannien. Hier empfiehlt es sich, von Sennen Beach den Coast Path nach Land's End zu laufen. Schöne Steilküste und ein Schiffswrack sorgen für Abwechslung. Auf Land's End selber "The first und last house", je nachdem, wie man es betrachtet, ein kleiner Imbiss und Souvenirshop.
Weiter ging es nach Porthcurno und dort zum Minnack Theatre. Ein Freilichttheater direkt in die Klippen gebaut. Grandiose Kulisse für Shakespeare und andere Aufführungen.
Durch Mousehole durch und an Penzance vorbei fuhren wir nach St. Michael's Mount, ein beeindruckendes Schloss auf einer felsigen Insel in Ufernähe. Bei Ebbe kann diese zu Fuß erreicht werden, ansonsten gegen Geld mit dem Motorboot.
Letzte Station des Tages war St. Ives, eine sehr schöne aber auch sehr überlaufene kleine Stadt. So voll, dass wir kaum einen Parkplatz fanden. Mit einem Shuttle-Bus, der jeden Moment auseinander zu fallen schien, ging es in die Innenstadt, die sich um eine kleine Hafenbucht schmiegt. Viele Mini-Geschäfte, Imbisse und Pubs, eben so viele Menschen. Wir sind einmal zu Hafenkai und wieder zurück, dann war uns das Gewühle zu viel.
Wieder auf dem Zeltplatz gelang es uns, noch drei Nächte nachzubuchen. Da hätten wir uns also nicht so abhetzen zu brauchen. Aber man weiß es ja vorher nicht. Also Zeit genutzt und auf nach Tintagel. Eher gewöhnliches Dorf, wenn da nicht an der Küste die Reste der Burg wären, in der der legendäre King Arthur geboren wurde und gelebt haben soll. Viel zu sehen ist von der Burg nicht mehr, im wesentlichen ein paar Grundmauern. Aber sehr schön gelegen auf einem vorgelagertem Cliff. Im Dorf selber ist unter anderem das Old Post Office sehenswert.
Der nächste Tag war ein Gammeltag. Bei bestem Wetter fuhren wir noch mal nach Kynance Cove - und mit uns halb England. Es war schon recht schwierig, noch ein Fleckchen Sandstrand zu erwischen, denn durch die Flut wurde der Platz immer enger. Aber schön war's! Etwas zu kalt zum baden. Die Engländer bevorzugen wohl deshalb auch Neoprenanzüge, um nicht so schnell auszukühlen.
Der letzte Tag in Cornwall brachte uns in das Aquarium in Newquay, ein Wunsch meiner Großen, die an diesem Tag Geburtstag hatte. Ist eigentlich eher etwas für schlechtes Wetter. Danach noch bisschen die Küste abgefahren und in einem Tea Room nochmal "Cornish Cream Tea" geordert. Die Scones sind einfach zu lecker.
Der Zeltplatz hatte irgendwo in der Nähe einen offenen Access Point, so dass wir unseren nächsten Zeltplatz per E-Mail vorbuchen konnten. Hatte schon was Beruhigendes an sich.
Nun, auf diesen Zeltplatz wären wir auch ohne Voranmeldung gekommen. Westlich von Shaftesbury auf einer Wiese hinter einer Tankstelle. Aber alles da, was man braucht. Auf der Fahrt dorthin haben wir die Strecke so gelegt, dass wir durch das Dartmoor fuhren, mit Halt an der alten Postbridge. Neben dem Office mit Tanke und Imbiss lohnt sich ein Blick auf die Clapper Bridge, deren genaues Alter nicht bestimmbar ist.
Der nächste Tag gehörte wieder mal der Küste
(hier Jurassic Coast genannt), und zwar dem Lulworth
Cove. Wie ausgestanzt mit einem Durchmesser von etwa
400 m wirkt diese Bucht schon etwas eigenartig. Für
5 £ pro Nase kann man sich mit einem Motorboot in
wenigen Minuten zum nächsten Naturerlebnis fahren lassen,
dem Durdle Door, einem Felsentor, welches von
der Küste direkt ins Wasser ragt.
Danach das ganze nochmal auf dem Landweg, sprich über den
Coast Path in einer guten halben Stunde zum Door und dort
unten am Kiesstrand die Beine ins Wasser baumeln lassen.
Badesachen hatten wir dummerweise vergessen. Das Wasser war
hier doch deutlich wärmer als an der Atlantikküste.
Ein Abstecher nach Weymouth zum
Chesil Beach rundete den Tag ab. Es handelt
sich hierbei um einen knapp 25 km langen! und 150 m
breiten natürlichen Landriegel aus Kies. Zum Baden eher
ungeeignet, da es ziemlich steil ins Wasser geht und die
Brandung nicht zu verachten ist
Am Tag darauf ging es noch mal nach
Stonehenge, welches wir vor 11 Jahren
bereits besuchten. Aber es ist immer wieder faszinierend - und
scheinbar noch voller als damals. Schade, denn der mystische
Charakter dieser Stätte geht damit immer mehr verloren.
Den Nachmittag fuhren wir noch rüber nach
Glastonbury zu den Resten gleichnamiger
Abbey. Dort soll angeblich King Arthur
begraben worden sein. Viel ist von der Abtei nicht mehr
übrig, trotzdem lassen sich die gewaltigen Ausmaße
erahnen.
Danach noch ein paar Schritte durch die Stadt selber, die
bekannt für ihre Hippie-Szene ist.
Noch einmal setzten wir um und wollten uns in der Nähe von Hasting niederlassen. Nach kurzer Pause in Arundel hörten wir jedoch im Radio, dass das Wetter sich für die nächsten Tage dramatisch verschlechtern soll. Regen, Sturm und das für den Rest des Urlaubs. Toll! Also schnell umdisponieren und noch am gleichen Tag nach Sissinghurst, dem wohl bekanntesten Garten Englands. Ich hatte ihn mir zwar größer vorgestellt, aber er ist schon sehr sehenswert.
Der Rest ist fix erzählt. Von Sissinghurst direkt wieder nach Folkstone zum Eurotunnel. Dort nochmal 155 £ für die Rückfahrt abgedrückt (schluck!) und im Duty Free Shop auf die Schnelle noch ein Fläschchen Whiskey eingepackt, dann waren wir auch schon wieder auf dem Festland. Die Rückfahrt verlief problemlos. Allerdings ist es auf französischen und belgischen Autobahnen nach 22:00 Uhr recht schwierig, etwas zu Essen aufzutreiben, so dass wir bis Deutschland Kohldampf schieben mussten. Am nächsten Morgen dann nach 22 Stunden Fahrerei endlich, wenn auch früher als geplant, wieder zu Hause.
Preise (in £)
Die hier angegebenen (Eintritts-) Preise sind Stand 2007
und in britischen Pfund angegeben, pro Familie (p.Fam.)
Eurotunnel: 217 €/155 £
Zeltplatz: 15 - 30 p.Fam.
Parkplatz: 2 - 5 am Tag
Canterbury Cath.: 17,50
Deal Castle: 12
Clovelly: 14,50
Minnack Theatre: 10
Tintagel: 15
Newquay Aquarium: 22,50
Stonehenge: 15,50
Glastonbury Abbey: 12,50
Sissinghurst: 20
Die Attraktion von Canterbury - die Kathedrale. Bekannt geworden durch ein schauriges mittelalterliches Massaker an Erzbischof Becket.
Im hiesigen Castle kann man zum Prince of Wales gekrönt werden - vorausgesetzt, man ist der Erstgeborene des britischen Monarchen.
In unseren Augen die schönste Bucht der englischen Küste. In den Augen halb Englands leider auch.
Stammt wahrscheinlich aus der Bronzezeit und hält immer noch (die vordere der beiden Brücken).
Letzte Änderung: 13.11.2007
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